Leuchtendes Ulm
Der Bildkalender 2026 für Ulm
01 | Die Kolonnaden des Sparkassengebäudes
Bei der Gestaltung des Sparkassengebäudes am westlichen Eingang der Stadt hat das Architekturbüro aus Stuttgart tief in die Geschichte gegriffen. Schon im römischen Städtebau waren Kolonnaden ein wichtiges architektonisches Element. Von Säulengängen gesäumte Straßen sind vor allem für römische Stadtgründungen charakteristisch. Später traten sie vor allem im Barock und Klassizismus wieder in Erscheinung. Von Anfang an war den Architekten des Sparkassengebäudes bewusst, auf welchem historischen Boden sie bauen. Denn hier war die nördliche Begrenzung der ehemaligen Pfalz auf dem Weinhof. Hier zu bauen, wo die Geschichte Ulms ihren Anfang genommen hat, hieß sorgfältig und behutsam mit der Vergangenheit umzugehen. Von Westen her in die Stadt kommend, steht links der mächtige Neue Bau aus dem 16. Jahrhundert. Erbaut aus Backsteinen, dem Baumaterial des Mittelalters. Der Gedanke der Architekten war, für den Neubau - als Bindeglied zum historischen Gegenüber - das gleiche Material zu verwenden. So wurde die Fassade mit 125 000 Backsteinen verkleidet, die einst Teil einer belgischen Klosterruine waren. Alt und Neu bilden nun eine Art Eingangstor zur etwas erhöht liegenden Innenstadt. Die Kolonnaden prägen das Sparkassengebäude mit einer schlichten, aber zugleich repräsentativen Eleganz. Am Abend entfalten die Säulengänge ihre ganze Wirkung. Die gezielte Beleuchtung lässt die Säulen erstrahlen, während Schatten die Zwischenräume füllen. Dieses Wechselspiel aus Helligkeit und Dunkelheit verleiht den Kolonnaden eine fast theatralische Wirkung.
02 | Die Architektur der Gotik
Als Gotik bezeichnet man eine Epoche der europäischen Baukunst, die vom 12. bis zum 16. Jahrhundert andauerte. Sie entwickelte sich in Frankreich aus der romanischen Architektur und verbreitet sich anschließend in ganz Europa. In diese Zeit fällt auch der Baubeginn des Münsters im Jahre 1377. Typisch für die Gotik sind mehrere architektonische Neuerungen, wie Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe und die schlanken, hohen Pfeiler. Sie leiten den Blick nach oben und betonen die himmelwärts strebenden Bauten. Ein herausragendes Merkmal der gotischen Architektur sind die farbigen Glasfenster. Durch die damaligen technischen Fortschritte beim Bau - vor allem durch die Kreuzrippengewölbe - konnte man die Wände der Kirchen dünner bauen. Dadurch entstanden große Fensterflächen, die mit leuchtenden Glasmalereien gefüllt wurden. Die Kunst der Glasmalerei ist schon über 1000 Jahre alt. Eine Blütezeit erlebte sie in der Gotik. Die genialen Baumeister der Gotik überboten sich darin die Wände der Kathedralen aufzulösen und man schuf großartige Glasfenster. Die Fenster zeigen biblische Geschichten – himmlisch leuchtende Bilderbücher entstanden. Sie dienten im Mittelalter nicht nur als Verzierung, sondern auch der Verkündigung des Glaubens, besonders für die Menschen des Mittelalters, die nicht lesen konnten. Das Licht, das durch die bunten Glasfenster fällt, soll als Sinnbild des göttlichen Lichts verstanden werden. Das war ein zentrales Element der mittelalterlichen Theologie. Wenn das Sonnenlicht durch die 15 Meter hohen Glasfenster des Münsters fällt, verwandeln sich die Pfeiler: grau und kühl im Schatten, beginnen sie im Sonnenlicht in allen Farben zu leuchten.
03 | Der Ulmer Super-Spatz
Es gibt Helden, die die Welt retten, so wie die Comic-Figur Superman. Eine Art Übermensch, erschaffen von den jüdischen Emigranten Jerry Siegl und Joe Shuster in New York. Als 1938 nach den Novemberpogromen in Deutschland quasi die Welt unterging, erschien die erste Superman-Ausgabe in einer Auflage von 200.000 Exemplaren. In Deutschland war die Veröffentlichung unter dem Nazi-Regime verboten.
Ulm braucht momentan keinen Superman, sondern eher einen Super-Spatz. Klein, unscheinbar, aber mit einer rettenden Idee genau im richtigen Moment. Denn Ulm ist eine Stadt voller Tatendrang mit ganz großen Zielen. Auf der To-do Liste steht ganz oben die Landesgartenschau 2030. Damit verbunden ist die Untertunnelung des Blaubeurer Tors, Rückbau der Straßen beim Ehinger Tor und die Sanierung der Brücken. Alles soll schöner und grüner werden. Aber wie’s halt so isch: „schee wär’s scho, bloß koschd’s halt a Haufa Geld!“ Und genau da kommt er angeflogen: der Ulmer Spatz als Superman. „Net bloß a Steinfigur auf dem Münsterdach, sondern a gefiederter Held mit blauem Cape“. Auf der Brust ein dickes „S“, das steht natürlich net für Superman, sondern für Super-Spatz. Über die Brückenbaustellen der Donau fliegt er und ruft den Bauleuten zu: „He Kerle! Dreht halt den Balken – oder halt glei die ganze Brück! Hauptsach’s funktioniert“.
Bei der Landesgartenschau pickt er „a bissle“ Blumensamen, flattert darüber – und schwupp wächst ein ganzes Blumenmeer. Die Ulmer sind ganz baff und sagen: „des isch jetzt aber gschwind ganga- hätt mer bloß den Spatz früher g’fragt“. Und wenn einer über die Kosten jammert: „des wird alles viel z’teuer“- dann setzt sich der Spatz zum Gemeinderat und zwitschert: „He, mir send in Ulm! Mir schaffet des scho, halt net billig, aber gscheit! Des kriega mr scho na“! So kämpft der Super-Spatz gegen Baustellenchaos, Papierkram und schwäbische Sparsamkeit.
Ulm schafft alles –mit „a bissle Superkraft, viel Köpfle und no meh Humor“.
04 |Gleis 44
Das junge kreative Kulturzentrum in Ulm
Im September 2018 entstand in einem alten Bahngebäude in der Schillerstraße ein experimentelles, selbstorganisiertes Kulturzentrum. Die Idee dahinter war, bestehende Bahnflächen im Dichterviertel kreativ zu nutzen. Die Stadt Ulm stellte das alte Bahngelände zur freien Verfügung. Somit konnte das Projekt als Kulturzentrum starten. Gleis 44 funktioniert als Begegnungsort, als kreative Spielwiese für urbane, junge Kultur und als Nachtleben, ohne den Anspruch, ein rein kommerzieller Club zu sein. Auf über 2000 m2 findet man künstlerische Ateliers sowie Werkstätten. Nicht zu vergessen ein Biergarten für Open-Air Events. Ein Tummelplatz für junge Leute, die anfangs mit großen Plänen starteten. Leider wurde nicht alles Wirklichkeit. Nach Schwörmontag 2025 wurde Gleis 44 kurzfristig geschlossen, weil es in der aktuellen Form nicht mehr finanzierbar war. Unter der Prämisse, dass das Konzept neu überdacht wird, hat die Stadt Ulm im August 2025 den Vertrag bis 2027 verlängert. Mit der Gründung des Vereins „Nix als Kultur“ startet Gleis 44 neu. Jeder kann für einen jährlichen Betrag von 25 Euro Mitglied werden. Samuel Rettig, einer der Mitgründer, wünscht sich viele neue junge Leute, die den Spirit von 2018 zurückholen.
Gleis 44, vorläufig bis 2027 verlängert, soll nicht zum Abstellgleis werden.
05 | Die Grabenhäusle im Seelengraben
Was für eine schöne, ländlich anmutende Idylle inmitten der Stadt. Die Seelengrabenhäusle mit dem Zundeltor im Hintergrund gehören zu den fotogensten Motiven in Ulm. Zwischen 1610 und 1633 wurden die Grabenhäusle auf Teilen der mittelalterlichen Stadtmauer errichtet, um den Stadtsoldaten eine Unterkunft zu bieten. Die Lage der Häuschen ermöglichte den Soldaten direkt in den Verteidigungsgraben zu schauen und bei Gefahr rasch tätig zu werden, daher der Name Grabenhäusle. Mit dem Ende der Reichsstadtzeit 1802 wurden viele dieser Häuser verkauft und insbesondere von ehemaligen Soldaten oder deren Witwen erworben. Die Lebensbedingungen waren einfach: Viele hatten keine eigenen sanitären Anlagen. Stattdessen wurden Gemeinschaftseinrichtungen benutzt. Dies führte zu einem gewissen sozialen Stigma. Die Bewohner wurden im Volksmund mitunter als “Grabelais“ (Grabenläuse) bezeichnet. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Grabenhäusle zerstört. Einige wurden in den 1950er Jahren in ihrer ursprünglichen Form wieder aufgebaut. Ab den 1980er Jahren setzte die städtische Wohnungsbaugesellschaft (UWS) umfangreiche Sanierungsmaßnahmen um. Die Häuschen wurden modernisiert, um zeitgemäßen Wohnstandards zu genügen. 35 Grabenhäusle sind noch erhalten im Neuen Graben, Frauengraben und Seelengraben.
Viele der Bewohner pflegen kleine Gärtchen oder Sitzplätze vor ihren Häusern, was den kleinen Reihenhäusern ein besonderes Flair verleiht.
06 | Landesposaunentag in Ulm
Der erste Landesposaunentag war 1901 in Esslingen. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er in verschiedenen Städten ausgerichtet. Die große Tradition der Ulmer Posaunentage begann im Jahr 1946. 2000 Bläser aus dem Einzugsgebiet der Evangelischen Landeskirche in Württemberg folgten damals der Einladung. Man muss sich dieses Bild vorstellen: Die Innenstadt war völlig zerstört, allein das Münster ragte aus den Trümmern empor. Inmitten von Ruinen standen rund 2000 Bläser auf dem Münsterplatz. Umgeben von Schutt und Zerstörung erklang aus ihren Instrumenten machtvoll das vorletzte Stück: „Nun danket alle Gott“ von Johann Sebastian Bach. Während der dritten Strophe stimmten die vier noch verbliebenen Glocken mit in die Posaunenklänge ein. Als letztes Stück wird traditionell immer der Schlusschoral „Gloria“ aus der Bachkantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gespielt. Ein Szenario so gewaltig, dass viele beim Schlusston in Tränen ausbrachen. Unter diesen 2000 Bläsern befanden sich viele ehemalige Kriegsteilnehmer, manche waren gerade erst aus der Gefangenschaft zurückgekommen. Als überall Not und Schuld groß waren, setzten sie ein Zeichen für einen Neubeginn. Als der letzte Ton verklungen war, war allen klar, dass nur Ulm der Ort zukünftiger Landesposaunentage sein kann. Seit 1984 dürfen übrigens auch Frauen daran teilnehmen.
Seitdem hat sich der Landesposaunentag zu einem festen Bestandteil des kirchlichen und kulturellen Ulms entwickelt. Mit Ausnahme der Corona-Pandemie bedingten Pausen wird die Tradition alle zwei Jahre fortgesetzt. Das gemeinsame Musizieren von Tausenden Bläsern*Innen, begleitet von liturgischen Feiern und einer starken Gemeinschaftserfahrung machen den Landesposaunentag zu einem einzigartigen Erlebnis. Während der Schlussfeier auf dem Münsterplatz bildet sich aus Tausenden von Musiker*Innen, unter Leitung des württembergischen Landesposaunenwarts, der größte Posaunenchor der Welt.
07 | Das Ulmer Volksfest
Der historische Ursprung des Ulmer Volksfestes liegt im Jahr 1429, als Ulm von Kaiser Sigismund das Privileg erhielt, einen Jahrmarkt abzuhalten. Es war ein bedeutendes Privileg, da solche Jahrmärkte eine wichtige Rolle für die regionale und überregionale Wirtschaft spielten. Damals dienten sie in erster Linie dem Handel und der Versorgung der Bevölkerung. Handwerker und Händler kamen oft von weit her, um ihre Waren anzubieten: Stoffe, Leder, Werkzeuge, Lebensmittel und Vieh. Damit war die Mess ein zentrales Versorgungs- und Austauschzentrum für die Stadt und das Umland. Neben dem Warenhandel gab es schon früh Schausteller, Musikanten, Gaukler und Attraktionen wie Seiltänzer, Bärentreiber oder Schaubuden. Damit war die Mess nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis. Sie war schlichtweg das städtische Highlight im Jahresablauf. Durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlor sie aber die ursprüngliche Handelsfunktion. Dafür gewann der Unterhaltungsaspekt - Fahrgeschäfte, Schaubuden, Festzelt – immer mehr an Bedeutung. Heutzutage ist vom ursprünglichen Marktcharakter kaum noch etwas übrig - die Ulmer Mess ist längst ein reines Volksfest geworden, das zwar an die Tradition anknüpft, aber seinen Schwerpunkt auf Vergnügen legt.
Seit 1962 findet das Volksfest in der weitläufigen Friedrichsau – zwischen Donau und Ausee – statt. Das Volksfest wird seit 2015 von der VMV GmbH organisiert und setzt gezielt auf Abwechslung. Jährlich werden rund 80 Schaustellerbetriebe eingeladen, wobei etwa 90 % der großen Attraktionen jedes Jahr ausgetauscht werden. Es punktet mit einem Mix aus Adrenalinkick, Familienfreundlichkeit und innovativen Angeboten. Der hier abgebildete ROBOTIX ist die neueste Loopingsensation: er dreht sich über drei Achsen mit unvorhersehbaren Richtungswechseln. Mit seinen spektakulären Fahrgeschäften und seinen innovativen Neuheiten sichert sich das Ulmer Volksfest einen festen Platz als eines der attraktivsten Volksfeste Süddeutschlands.
08 | Das Ulmer Weinfest
Als 2007 das erste Weinfest am südlichen Münsterplatz stattfand, fragte sich so manch einer, was Ulm eigentlich mit Wein zu tun hat. Weinanbau ist klimatisch bedingt in unserer Region heute nicht möglich. Doch wenn man ganz weit in die Geschichte zurückgeht, findet man in Ratsprotokollen und Urkunden Hinweise, dass der Weinanbau vom 13. bis zum 15. Jahrhundert in Ulm verbreitet war. In dieser Zeit erhielt auch der Weinhof – Ulms ältester und wichtigster Platz – seinen Namen. Ab dem 15. Jahrhundert fand auf diesem Platz der Weinhandel statt. Ulm wurde damit zu einem der ersten und wichtigsten Handelsplätze für Wein im Südwesten von Deutschland. Vor dem Weinmarkt wurde der Platz nur Hof genannt, denn hier lag das alte Herrschaftszentrum von Ulm, das mit einer Pfalz (Königshof) der karolingischen Kaiser und Könige begann. Es waren vor allem zwei Klöster, das Klarissenkloster in Söflingen und die Augustinerchorherren zum Hl. Michael auf den Wengen, welche sich mit dem Weinanbau befassten. Der Wein wurde vor den Toren der Stadt angebaut. Davon erzählen heute noch Bezeichnungen wie die Söflinger Weinsteige. Der Straßenname Keltergasse erinnert daran, dass hier ehemals Keltereien waren, in denen die Trauben zu Wein verarbeitet wurden. Der Name Kelter bezieht sich auf die Presse, die zum Auspressen von Trauben verwendet wurde. Über die Qualität des Ulmer Weins wird in einer Legende berichtet: Die Nonnen des Klarissenklosters aus Söflingen hätten den Steinmetzen und Maurern am Ulmer Münster ein paar Krüge Wein zum Probieren gebracht. Anscheinend hätten sie den Wein aber nicht getrunken, sondern den Mörtel damit angerührt. Er sei wohl sehr sauer und für den Mörtel genau richtig gewesen.
Es gibt ja das Sprichwort: „Wein auf Bier das rate ich dir, Bier auf Wein das lass sein“. Das hat nichts mit einer Unverträglichkeit zu tun, sondern bezieht sich auf sozialen Aufstieg bzw. sozialen Abstieg. Wein war nämlich immer das Getränk des Adels. Bier dagegen das Volksgetränk. Auch in den Klöstern wurde nicht sehr abstinent gelebt und der Wein war das bevorzugte Getränk.
Nun verwandelt sich jedes Jahr im Sommer der südliche Münsterplatz in einen Ort der Begegnung und der Lebensfreude. Vor der eindrucksvollen Kulisse des Münsters, unter schattigen Bäumen und zwischen liebevoll geschmückten Holzhütten bieten die Ulmer Gastwirte vielerlei Sorten von Wein und Leckereien an.
09 | Der Griesbadmichel
Manche Menschen geraten nie in Vergessenheit so wie das Ulmer Original: der Griesbadmichel. Geboren wurde er als Michael Hetzler 1820 in Bermaringen. 1841 wurde er als Hausknecht im Griesbad angestellt. Das Griesbad war ein öffentliches Bad nahe dem Zundeltor. Seine Tätigkeit als Hausknecht sah die Versorgung der Pferde, Pflege des Gartens und Bedienung der Gäste vor. Der Griesbadmichel nahm Anteil an allem, was die fortschrittlich gesinnten Ulmer dieser Zeit bewegte: die Pferdepost, der Bau der Bundesfestung, Dampfschifffahrtspläne, Gasbeleuchtung, eine neue Trinkwasserversorgung. In seiner 53-jährigen Dienstzeit erlebte er noch 1890 die Vollendung des Münsterturmes und das große Münsterfest. Auch im Griesbad hatte man seinen Anteil an den 40.000 Maß Bier, die laut Statistik damals täglich in Ulm getrunken wurden.
Die besondere Liebe des Griesbadmichels galt aber der Pflege des Gartens. Der Legende nach ging er nachts mit Laterne, Regenschirm und Eimer bewaffnet durch den Garten und sammelte Regenwürmer und Schnecken, damit sie das Gemüse nicht befielen. So manche Geschichte wird von ihm erzählt. Einmal soll er den Stadtpfarrer in seinem Rettichbeet erwischt und gesagt haben: „Nix da Herr Stadtpfarrer! Gestohlene Rettiche sind so pelzig wie gestohlene Christenseelen“. Von der Erfüllung seiner Pflichten ließ er sich niemals abhalten. „Haltet mich nicht auf“, sei sein Grundsatz bei seiner täglichen Arbeit gewesen, die er stets fleißig, anspruchslos und redlich verrichtete. Unsterblich wurde er als Brunnenfigur 1994 in der Griesbadgasse. Die Bronzefigur ist mit Regenschirm, Laterne und einem kleinen Eimer ausgestattet. Sie beugt sich nach unten, um Regenwürmer und Schnecken aufzusammeln. Ein augenzwinkernder Verweis auf Hetzlers nächtliche Sammelwut.
10 | Abendstimmung auf dem Fischerplätzle
Wenn es Abend wird, verwandelt sich das Fischerplätzle in einen Ort, an dem die Zeit langsamer zu fließen scheint. Warmes Licht fällt aus den Fenstern des Schönen Hauses auf das Kopfsteinpflaster, das im Schein dieses Lichtes schimmert. Das Schöne Haus und das Zunfthaus der Schiffleute erinnern an Ulms Vergangenheit, als hier die Fischer und Schiffer zu Hause waren. Als Ulm 1316 sein Stadtgebiet erweiterte, lag das Fischerplätzle noch außerhalb der Stadtmauer. Diese führte vom Fischerturm im Bereich der heutigen Wilhelmshöhe über den Saumarkt und die Häuslesbrücke bei der Forelle, fast rechtwinklig auf die Staufermauer aus dem 11. Jahrhundert zu. Das Fischerplätzle war zu dieser Zeit ein kleiner Donauhafen, Gumpen genannt. Nach Aussage des ersten Ulmer Chronisten Felix Fabri verfügte dieses Viertel über keinen guten Ruf – vergleichbar eben mit den Hafenvierteln jeder anderen Stadt. Erst mit dem Bau der äußeren Stadtmauer 1480 wurde auch dieser Ort geschützt. Etwa um diese Zeit wurde das Zunfthaus der Schiffleute für den Fischer Erhard Heilbronner gebaut. 1977 wurde bei der Sanierung des Hauses der vier Meter hohe Hallenraum wieder freigelegt, der den Fischern und Schiffsleuten im Winter als Lagerraum für ihre Zillen diente. Im oberen Stockwerk lagen ihre Wohnungen. Seit 1977 ist die ehemalige Lagerhalle ein beliebtes Gasthaus. Im Obergeschoss bewahrt der Schifferverein die Requisiten für das Fischerstechen auf.
Die erstmalige Erwähnung des Schönen Hauses finden wir im Jahr 1533. Es macht auch heute noch seinem Namen alle Ehre. Ins Innere gelangt man durch schöne alte Türen. Eine schmiedeeiserne Tür führt zum Keller hinunter. Dort unten im ältesten Teil des Hauses befindet sich ein mittelalterlicher Ziehbrunnen, dessen Wasserspiegel mit dem der Donau steigt und fällt. Das Haus besitzt viele Besonderheiten mit einer eigenen Hauskapelle, die mit einem Gestühl aus dem Münster ausgestattet ist und vor allem auch mit seinen fehlenden rechten Winkeln. Über eine steile Treppe erreicht man die Ulmer Stube im Obergeschoss, die reich ausgestattet ist, mit altem Ulmer Mobiliar, Donauweibchen und Schachtelmodellen. Das absolute Highlight ist jedoch eine echte Ulmische Himmelbettlade. Besitzer des Hauses waren im Laufe der Jahrhunderte bekannte Ulmer Schifferfamilien, unter denen die Familiennamen Scheifele und Molfenter am häufigsten zu finden sind. Die meisten davon waren Zunftmeister, einige sogar Ratsherren.
11 | Die ehemalige Synagoge auf dem Weinhof
Die kleine unscheinbare Tafel, die im unteren Teil der Fassade des Sparkassenneubaus eingelassen ist, erinnert an die ehemalige Synagoge aus dem 19. Jahrhundert.<
Nachdem sich jahrhundertlang keine Juden mehr in den Städten ansiedeln durften, machten dies die politischen Umwälzungen und Freiheitsbewegungen im 18. Jahrhundert wieder möglich. 1806 kamen die ersten Juden wieder nach Ulm und 1845 begann man mit ersten Gottesdiensten im Gasthaus „Schwanen“ am Weinhof. Nachdem die Anzahl jüdischer Bürger*Innen immer größer wurde, brauchte man eine andere Lösung. 1873 wurde die neue Synagoge unter großer Teilnahme der Ulmer Bürger*Innen eingeweiht. Nach Plänen des Stuttgarter Architekten Adolf Wolff wurde sie im maurisch-arabischen Stil erbaut, aus roten Ziegelsteinen mit vier goldenen Kuppeln. Sie besaß eine Frauenempore und war mit einer Orgel der Gebrüder Link aus Giengen ausgestattet. Eine Orgel war ein eher ungewöhnliches Element und Symbol einer Reformsynagoge, das religiöse Spannungen hervorrief. In den 1920er Jahren wurden die goldenen Kuppeln durch schlichte Pyramidendächer ersetzt. Es wird vermutet, dass Dominikus Böhm, der zu dieser Zeit in Neu-Ulm in der Kirche St. Johann als Baptist tätig war, der Architekt dieser Pyramidendächer war. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt. Das Mobiliar wurde zerschlagen und der Toraschrein niedergerissen. Das Feuer wurde von der Feuerwehr gelöscht und die Stadtverwaltung ordnete wenige Tage später den Abriss an. Die Kosten hierfür musste die jüdische Gemeinde tragen. An der Stelle der ehemaligen Synagoge wurde 1958 ein Sparkassengebäude errichtet. Nachdem Anfang der 2000er Jahre die jüdische Gemeinde wieder wuchs, entstand die Idee für einen Neubau, nahe dem historischen Ort. Die Stadt Ulm stellte 2009 ein Grundstück auf dem Weinhof zur Verfügung. In einem Architekturwettbewerb ging das Büro Kister, Scheithauer, Gross aus Köln als Sieger hervor. Baubeginn war im März 2011. Die neue Synagoge wurde am 2. Dezember 2012 mit prominenten Gästen - wie Bundespräsident Gauck - und dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann eingeweiht.
12 | Das Münster und die Lutherrose
An allen schmiedeeisernen Gittertüren am Münster finden wir als Schmuckelement die Lutherrose. Sie steht als Zeichen dafür, dass die Ulmer Bürgergemeinde 1530 den Schritt in die Reformation wagte. Das Symbol ist also nicht nur dekorativ, sondern auch Ausdruck einer neuen konfessionellen Identität. Die Lutherrose selbst wird als Luthers persönliches Siegel beschrieben. Martin Luther passt auch gut in die Weihnachtszeit, denn Luther hat das Weihnachtsfest und seine Gestaltung stark geprägt. Vor der Reformation war der 6. Dezember – der Nikolaustag – das wichtigste Fest für die Kinder, denn der Heilige Nikolaus brachte die Geschenke. Als Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte, machte er die Weihnachtsgeschichte, die im Lukas Evangelium steht, für die Menschen verständlicher. Da die Geburt Christi für ihn von zentraler Bedeutung war, wandte er bei dieser Übersetzung besondere Sorgfalt an. Er wollte den Blick weg von den Heiligen auf Christus lenken. Deshalb führte er als Gabenbringer das Christkind ein – und verlegte das Schenken auf den Heiligen Abend. Aus dieser Tradition entwickelte sich das Christkind in Süddeutschland, während in anderen Regionen später der Weihnachtsmann populär wurde. Auch durch die von ihm geschriebenen Weihnachtslieder hat Luther das Fest geprägt: „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Dieses Lied lädt uns ein die Freude der Engel über die Geburt Christi zu teilen. Die Tradition des Weihnachtsbaumes stammt ebenfalls von ihm. Wenn ein funkelnd heller Weihnachtsbaum das Dunkel erleuchtet, soll das Licht an Christus, das Licht der Welt, erinnern.
ÜBER UNS
Diese Kalenderprojekt entsteht in Zusammenarbeit der Ulmer Citymarketing und der Druck und Medien Zipperlen GmbH.
2025 haben wir gemeinsam zu einem Fotowettbewerb aufgerufen und die Gewinnerbilder in diesem Kalender veröffentlicht.
Natürlich bereichern auch in diesem Jahr die wundervollen und interessanten Texte von Ulrike Häufele den Kalender.
Viel Spaß beim Schmökern und Bilder geniessen!
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